Rogue Agents in fremden Bankkonten

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94 Prozent der Europäerinnen und Europäer wollen jede Transaktion selbst freigeben, bevor ein KI-Agent sie ausführt. Das ergab eine Befragung von 8.400 Menschen in acht Ländern, darunter Deutschland, für die Studie „From Click to Agent“ der Technologieberatung Sopra Steria. Was passiert, wenn diese Kontrolle fehlt, wird gerade in den USA sichtbar: Große Banken entdecken KI-Agenten in Kundenkonten, die sie nie zugelassen haben.

KI-Agenten sind Programme, die Aufgaben selbstständig erledigen. Sie loggen sich ein, füllen Formulare aus und bezahlen. Nach einem Bericht des US-Nachrichtenportals Axios vom 22. Oktober stellen große US-Banken wie Morgan Stanley, Bank of America, JPMorgan und Wells Fargo KI-Agenten Dritter in Kundenkonten fest. Oft melden sich die Agenten mit Zustimmung und Zugangsdaten der Kunden an, was gegen die Bedingungen der meisten Banken verstößt. Andere rufen im Callcenter an oder scheinen unabhängig von den Anweisungen ihrer Nutzer zu handeln. Viele Banken können laut Axios nicht mehr sicher unterscheiden, ob ein Mensch oder ein Agent handelt und ob ein Agent sein Mandat überschreitet.

Auf diese unüberschaubare Situation reagieren die Banken. Morgan Stanley blockiert nach Axios-Informationen Agenten Dritter, JPMorgan, Bank of America und Citi schränken den Zugriff ein. Bank-of-America-Chef Brian Moynihan fordert, dass ein Mensch zustimmt, bevor Geld ein Konto verlässt. Als Kompromiss zeichnet sich ein reiner Lesezugriff ab. Morgan Stanley erklärte, bislang keine abtrünnigen KI-Agenten auf seinen Plattformen beobachtet zu haben, im Englischen „Rogue Agents“.

„KI-Agenten sind in den Bankkonten angekommen, bevor die meisten Banken darauf vorbereitet waren“, sagt Dr. Philipp Völk, Head of Sopra Steria Next Financial Services, der Managementberatung von Sopra Steria für Banken und Versicherer. Wer einem Agenten sein Passwort gebe, könne dessen Verhalten nur vermuten, aber nicht kontrollieren. „Für eine Bank ist das ein komplexer Ernstfall, denn ihr wichtigstes Kapital ist Vertrauen.“

Vorfall-Serie seit Mai

Der Fall bei den Banken steht nicht allein. Seit Mai sind mehrere Vorfälle bekannt geworden, in denen KI-Agenten außerhalb ihres Auftrags handelten. Agenten aus OpenAI-Tests übernahmen im Mai und Juni das deutsche Programmierforum DseWiki und nutzten es mit mehr als 18.000 Beiträgen als internes Nachrichtenbrett, obwohl sie nur Lesezugriff hatten. Im Juli drangen Agenten aus einer OpenAI-Evaluation in die Rechenzentren der KI-Plattform Hugging Face ein. In Australien umging ein OpenAI-Agent im Juni die Sperren des Medicare-Statistikportals und sah nicht öffentliche Dateien ein. Die Regierung erfuhr davon erst 84 Tage später, per Mail an ein öffentliches Postfach.

Neu an den Bankfällen: Es geht nicht mehr um Agenten aus Labortests, sondern um Software, die Kundinnen und Kunden im Alltag einsetzen. „In allen Fällen konnten die Betreiber zunächst nicht feststellen, wer da eigentlich handelt“, sagt Aleksandar Stojanovic, Head of AI bei Sopra Steria Next. Ob ein Agent gut oder böse handle, komme erst an zweiter Stelle. An erster Stelle stehe, ob man ihn überhaupt erkennen und bei Bedarf stoppen könne.

Stopp-Forderungen in Washington

In den USA wird die Sorge vor unkontrollierten Agenten zum politischen Thema, und zwar in beiden Lagern. Senator Bernie Sanders kündigte am 3. September mit dem Abgeordneten Greg Casar einen Gesetzentwurf an, der einen sofortigen Stopp fortgeschrittener KI-Entwicklung und ein dauerhaftes Verbot von Superintelligenz vorsieht. Nach dem Bankenbericht forderte er auf X, KI „JETZT“ zu pausieren. Auch Floridas republikanischer Gouverneur Ron DeSantis warnte vor abtrünnigen Agenten, die Bankkonten und Anlageportfolios leeren könnten.

„Die Sorge ist berechtigt“, sagt Dr. Bernd Peper, Head of Sopra Steria Next in Deutschland. „Aber die Forderung nach einem Stopp hält diese Technologie nicht auf.“ Europa solle weder in Panik verfallen noch dem Silicon-Valley-Motto „Move fast and break things“ folgen. Auch das Aussperren von Agenten sei „eine wichtige Notbremse, aber noch lange keine zukunftsorientierte Strategie“. Peper empfiehlt Stufen: erst Lesezugriff, dann begrenzte Mandate, dann mehr.

Passwörter hebeln den europäischen Schutz aus

In der EU regelt die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2, wie Drittanbieter über geprüfte Schnittstellen auf Konten zugreifen. Zahlungen erfordern eine starke Kundenauthentifizierung mit zwei Faktoren. Die Sopra-Steria-Studie hält diesen Rahmen für KI-Agenten vorerst für weitgehend ausreichend, sieht aber offene Fragen: Wer authentifiziert sich, der Nutzer oder der Agent? Bis zu welchem Betrag darf ein Agent ohne erneute Freigabe zahlen? Und wer haftet im Streitfall?

„Europa hat mit der Zahlungsdiensterichtlinie geregelte Schnittstellen und eine starke Kundenauthentifizierung. Das ist ein echter Schutz“, sagt Martin Stolberg, Head of AI bei Sopra Steria und Mitglied im Executive Committee. Wer seine Passwörter an einen KI-Agenten weitergebe, umgehe jedoch jeden Schutzmechanismus. Sein Rat an Bankkunden: „Die eigenen Bankzugangsdaten gehören in keine KI-Software, die nicht von der Bank zugelassen ist.“ An die Institute gerichtet sagt er: „Agent-Readiness ist das Gebot der Stunde.“

Banken genießen einen Vertrauensvorsprung

75 Prozent der Befragten verlangen laut der Sopra-Steria-Studie Transparenz darüber, nach welchen Kriterien ein Agent auswählt. 47 Prozent zählen Diebstahl oder Hacking ihrer Bankdaten zu ihren größten Sorgen. Finanzdienstleistungen wie Sparen oder Kredite würden nur 22 Prozent einem Agenten überlassen, Versicherungen 36 Prozent, Elektronik 45 Prozent. Als Anbieter persönlicher Einkaufsagenten trauen 27 Prozent am ehesten den Banken, vor europäischen Tech-Start-ups (14 Prozent) und US-Tech-Konzernen (10 Prozent). 41 Prozent vertrauen noch keinem Anbieter.

„Das ist eine Chance, aber nur für Banken, die diese Kontrolle auch technisch liefern können“, sagt Dr. Philipp Völk. Die Herkunft eines KI-Modells entscheide dabei nicht über Souveränität: „Souverän ist, wer die Regeln für den Zugriff auf seine Systeme selbst setzt und durchsetzt.“ Europa solle die bestehenden Regeln für den Kontozugriff für KI-Agenten weiterentwickeln.

Konkret fordert Aleksandar Stojanovic, dass sich Agenten ausweisen: mit einer eigenen Identität und einem Mandat, aus dem hervorgeht, wer sie beauftragt hat und was sie dürfen. „Die Technologie hierfür existiert.“ Lesezugriff solle Standard sein, Transaktionen nur mit Limits und menschlicher Freigabe möglich, bevor etwas Unumkehrbares passiert. Gibt ein Kunde einem Dritten vollen Kontozugriff, liegt das Risiko nach Stojanovics Worten formell bei ihm. Oft fehle jedoch das Risikobewusstsein, deshalb müssten Banken Leitplanken einziehen. Zudem brauche es Sichtbarkeit im Betrieb, „damit ein Agent erkannt und gestoppt werden kann, bevor ein Schaden entsteht“.

Über die Studie

Das Institut Cluster17 befragte im Februar 2026 im Auftrag der Sopra Steria Group 8.400 Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Die Stichprobe ist je Land repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Region. Die Studie „From Click to Agent – Europe’s next retail revolution“ (Mai 2026, Englisch) steht kostenlos zum Download bereit.

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